Bestandssanierung aus der Praxis – Simon Bettinger von Bettinger Bau
Erste Gästefolge des bauffy Podcasts: Marco und Elisabeth sprechen mit Simon, der eine Innenausbaufirma im Raum Kaiserslautern führt. Es geht um das, was zwischen Exposé und Baustelle passiert – wie man ein Bestandsobjekt bei der Besichtigung einschätzt, wie aus einer Zustandsbewertung eine belastbare Kostenschätzung wird und welche Gewerke zuerst am Tisch sitzen müssen. Dazu die Perspektive von der anderen Seite: warum Angebote teurer werden, wenn ein Betrieb ausgelastet ist, und woran man einen guten Handwerker erkennt. „Substanz ist eigentlich viel, viel entscheidender, als ob mir die Tapete gefällt.“ — Simon Bettinger, Bettinger Bau
Substanz vor Optik: Woran man bei der Erstbesichtigung erkennt, ob ein Bestandsobjekt ein strukturelles Problem hat. Baujahr als Filter: Welche Schadstoff- und Bauweise-Themen mit welcher Epoche zusammenhängen. Checkliste statt Sachverständiger: Warum der Fachmann in die Zweitbesichtigung gehört und was man in der Erstbesichtigung selbst filtern kann. Von der Bewertung zur Kostenschätzung: Warum belastbare Preise erst mit konkreten Vorstellungen entstehen. Quadratmeterpreise als Orientierung: Wie sich einfache, mittlere und teure Sanierung grob einordnen lassen. Die Reihenfolge der Gewerke: Welche fünf Gewerke zuerst ins Boot gehören und warum neue Fenster zuerst ein Fehlschwerpunkt sind. Einzelvergabe oder Generalunternehmer: Wo die Kostentransparenz höher ist und welcher Mittelweg sich anbietet. Eigenleistung mit Grenze: Wo Selbermachen spart und wo die Folgekosten die Ersparnis übersteigen.
Zinslage und Marktstimmung Marco: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge beim bauffy Podcast. Mein Name ist Marco, und heute haben wir eine sehr besondere Folge: die erste mit einem Gast. Wir haben den Simon bei uns. Wir vertiefen das Thema energetische Sanierung, und zwar aus der Praxis für Bestandsobjekte. Aber lasst uns wie gewohnt mit der Lage starten. Zinslage, Swap: Es geht immer weiter hoch, 3,54 ist der Swap heute Samstagmittag. Wie schaut es an der Bankenfront aus, Eli? Elisabeth: Sehr, sehr schlecht. Die Gewitterwolken waren schon dunkel, die sind noch dunkler geworden. Ich hätte es nicht geglaubt, aber wir sind so teuer wie das letzte Mal 2011, also nach der Finanzkrise. Das hat dazu geführt, dass die Commerzbank für nächste Woche eine Zinserhöhung von 0,19 angekündigt hat. Wer jetzt nicht ein Stück weit die letzte Chance nutzt, wird einen sehr teuren Zinssatz akzeptieren müssen. Die Nachfragen gehen zurück, der Markt ist in Schockstarre. Das wird dazu führen, dass die Kaufpreise mehr verhandelt werden, die Verhandlungen sich länger ziehen und die Banken noch genauer hinschauen. Marco: Die Message ist klar: Es geht weiter nach oben, keine Erholung in Sicht. Im zweiten Quartal war es ja häufiger mal eine Woche hoch, eine Woche runter. Momentan geht es nur nach oben, und die Staatsverschuldung und die Bewegung bei den Staatsanleihen helfen leider nur dem Weg nach oben. Elisabeth: Dem Sparer hilft es. Simon stellt sich vor: Innenausbau im Zinsumfeld Marco: Aber auch nur, wenn die Bank es weitergibt. Vielleicht vorweg, Simon: Steigende Zinsen – hat das einen Impact auf dein Business? Und nutz die Gelegenheit, uns einmal zu sagen, was du genau machst. Simon: Man merkt auf jeden Fall, dass die Leute vorsichtiger sind, was Geldausgeben angeht. Gerade beim Material: Die Leute wollen oft das günstige und das teurere Angebot und neigen dann zur günstigeren Variante. Ich habe einen guten Freund, der ist Fliesenlegermeister. Durch Instagram sind Großformate sehr beliebt geworden – zu seinem Leidwesen. Das fugenlose Design hat ein paar Vorteile, aber wenn du ein kleines Bad hast und riesige Fliesen willst, ist das schwierig. Und die Verarbeitungskosten: So eine große Fliese, da mache ich vielleicht zwei am Tag, wenn ich alleine bin. Bei den kleineren mache ich 30, 40 am Tag. Zu mir: Ich habe eine Innenausbaufirma, arbeite aber mit vielen anderen Firmen zusammen, um eine Art ganzheitliches Konzept anzubieten. Ich bin seit fünf Jahren selbstständig, habe vorher schon immer auf dem Bau gearbeitet. Unser Spezialgebiet ist Trockenbau, Innenausbau und in dem Zusammenhang Dachdämmung. Elisabeth: Simon ist für mich auch mein Go-to. Den rufe ich immer an, wenn mir irgendwas nicht koscher vorkommt oder ich ein Grundsatzthema besprechen will. Aus der Ferne ist so eine Ferndiagnose immer schwierig, mir geht es eher um ein Bauchgefühl. Ich bin von der Finanzierungsseite sehr viel in Sanierung drin, und wir haben einen extrem alten Bestand in Deutschland. Da ist in den letzten Jahrzehnten viel verpasst worden. Erstbesichtigung: Baujahr, Substanz und Schadstoffe Elisabeth: Für mich ist das immer der erste Aufschlagpunkt: Erstberatung gemacht, Budget geklärt – und dann kommt das wirklich Aufregende, die erste Besichtigung. Worauf sollten meine Käufer achten, wenn wir uns so ein schönes Bestandshaus angucken? Simon: Das eine ist, dass man einteilen kann, in welchem Baujahr die Immobilie geschaffen wurde. Jede Epoche bringt gewisse Gefahren, aber auch Vorteile mit sich. Klassisch gilt: Bei den meisten Häusern ab etwa 1960 bis 1970 und vor 1990 ist extrem auf Schadstoffe zu achten, gerade Asbest. In vielen Fliesenklebern von vor 1990 sind auch Asbestfasern drin, das wissen ganz viele Leute nicht. Die wollen dann in Eigenleistung die Fliesen runterklopfen. Da sollte man vorher auf bestimmte Sachen achten: PAK-Analysen, teerhaltige Substanzen. Bei Häusern von 1902 oder 1910 – das sieht man meistens auf irgendeinem Stein im Keller – sind ganz andere Dinge entscheidend, etwa ob in Holzständerbauweise oder als Fachwerk gebaut wurde. „Substanz ist eigentlich viel, viel entscheidender, als ob mir die Tapete gefällt. Ich kann eine wunderschöne Tapete über ein Haus knallen mit einer ganz schlechten Substanz. Das sieht schön aus. Es hält nur leider nicht so lang.“ Simon: Dann würde ich unterscheiden: unterkellert oder nicht? Gerade bei älteren Häusern ist oft eine fehlende Abdichtung das Problem. Wenn man reinkommt, kann man einen ersten Eindruck auf sich wirken lassen: Bewegt sich die Treppe stark? Wurden Sachen instand gehalten? Und von außen: Sind da größere Risse? Man unterscheidet putzbedingte und mauerwerksbedingte Risse. Kleine Risse in der Fassade können bedeuten, dass sich nur der Putz gelöst hat. Sitzen die Risse im Mauerwerk, ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, dass sich das Haus gesetzt hat. Beim Nachbarhaus meiner Eltern ist mal eine Bombe eingeschlagen, das wurde damals notdürftig geflickt. Da sieht man außen deutlich den Riss, und die Handwerker hatten massiv Probleme, weil sie eine Balkenkopfsanierung machen mussten. So etwas geht ganz schnell, wenn es nicht eingeplant war. Weiter: Wie alt sind Fenster, Boden, Bäder? Sind das extrem alte Leitungen, auch die Elektrik? Was für eine Heizung ist verbaut? Und ein ganz großes Thema ist das Dach – ein riesiger Kostenpunkt und energetisch einer der Faktoren, die am meisten beeinflussen. Ganz früher klassisch: ein komplett kaltes Dach, quasi keine Dämmung von der obersten Geschossdecke zum Dach. Warme Luft steigt nach oben, da hat man einen riesigen Verlust. Wer gar keine Ahnung von Häusern hat, sollte mit einem befreundeten Handwerker, einem Architekten oder einem Bausachverständigen hingehen. Das kostet Geld, aber später spart man dadurch auch Geld. Lieblingsbaujahre im Bestand Elisabeth: Was ich immer interessant finde: Was ist dein Lieblingsbaujahr, wenn wir die Jahrzehnte durchgehen? Simon: Dadurch, dass wir extrem viele Altbausanierungen machen, ist das mein Steckenpferd. Von der Substanz her muss ich sagen: 70er-Jahre-Bauten – oft viel Beton, schwere Steine, gutes Mauerwerk – sind dahingehend sehr gut. Auch wenn die Schadstoffbelastung in so einem Haus wesentlich höher sein kann, und das rückzubauen kann ein extremer Kostenpunkt sein. Aber die Substanz ist oftmals sehr gut. Elisabeth: Ich würde mein Lieblingsbaujahr 30 Jahre später ansetzen. Ich liebe die 2000er, alles zwischen 1995 und 2005. Die Bäder sehen schön aus, die muss man meistens gar nicht wechseln, weil sie sehr zeitlos sind. 70er-Jahre-Bäder sind schon gruselig. Simon: Bis nach oben gefliest, zwei Zentimeter dicke Fugen, noch eine gusseiserne Badewanne drin – die macht auch immer Spaß rauszubauen. Elisabeth: Und das Preis-Leistungs-Verhältnis: Du hast da noch viel für dein Geld bekommen, und die Schadstoffbelastung ist geringer, weil in dem Zeitraum wirklich der Blickpunkt darauf lag. Ab 2005 Richtung 2010 sieht man die Qualität schwinden, und über 2010 kommt dann die Fertighaus-Thematik. Um die 2000er wurde eigentlich fast nur massiv gebaut. Was Laien selbst prüfen können Marco: Wenn ich mich als Laie in die Situation reinversetze und eine Immobilie zum ersten Mal besichtige: Worauf kann ich achten, ohne direkt mit einem Sachverständigen reinzugehen – einfach als Vorfilterung? Den Riss durchs Mauerwerk erkenne ich vielleicht. Ich vermute aber, so einfach ist es nicht immer. Simon: Die Risse im Mauerwerk, die wirklich gravierend sind, sieht man in der Regel schon. Wichtig ist, sich nicht täuschen zu lassen von „da wird jetzt das und das neu gemacht“. Als Laie würde ich mir anschauen: Was für ein Baujahr ist es, damit ich im Hinterkopf habe, was problematisch sein könnte. Und erfragen: Wann wurde das Haus gebaut? In der Regel sind Elektrik, Kalt-Warmwasserversorgung und Heizung seitdem auf dem Stand geblieben, wenn nicht kernsaniert wurde. Der nächste Punkt ist das Dach, weil es ein Riesenkostenpunkt ist. Geht aufs Dach, guckt euch an, ob Ziegel kaputt sind. Im obersten Geschoss: Sind irgendwo Wasserflecken? Wenn die gelblich sind, sind sie abgetrocknet. Man kann mit dem Finger drüberfahren – fühlt sich die Wand nass an? Das sind Sachen, die man mit haptischem Feedback gut testen kann. Bei Schimmelverdacht: Wo sind in den Ecken Farbkleckse drauf? Ecken werden gerne mal nachgestrichen, wenn ein Schimmelproblem herrscht. „Man muss eigentlich schauen, dass man sich die Sachen anguckt, die vielleicht vertuscht werden sollten.“ Simon: Wie alt ist das Dach, wann wurde zuletzt gedeckt, waren Reparaturen nötig? Auch die Dachsparren angucken: Sind Sparren gerissen, ist von außen Holzfäulnis zu erkennen, gerade bei sichtbarem Dachüberstand? Ist das Dach stark vermoost? Wenn das Haus einen Kamin hat: Ist der Anschluss in Ordnung? Und falls unterkellert: Haben wir Feuchtigkeit drin? Das riecht man, diesen typisch modrigen Geruch. Oder falls Betonbalkone vorhanden sind: Sieht man irgendwo Eisen unten rausgucken? Eine Balkonsanierung kann sehr schnell sehr teuer werden, einfach weil früher keine Abdichtungen draufgemacht wurden. Heute ist das Pflicht. Da kann ein Haus, das nach mehr Arbeit aussieht, im Endeffekt günstiger sein, weil an schwerwiegenden Stellen nicht so viel saniert werden muss. Checkliste, Zweitbesichtigung und Sachverständige Elisabeth: Für die erste Besichtigung bin ich noch kein Freund davon, einen Bausachverständigen mitzunehmen – korrigier mich, wenn du da nicht mitgehst. Man guckt sich zehn Häuser an, und dann gefällt bei einem der Grundriss nicht, beim anderen sind die Nachbarn unfreundlich. Fürs Erste zählt die Haptik. Da wäre es wertvoll, so eine Checkliste auszuarbeiten, wo man wirklich dieses Sehen, Hören, Fühlen hat. Wir haben in den Exposés ja leider immer mehr KI-generierte Bilder – ich muss immer mehr schauen: Ist das die Wirklichkeit oder ist das irgendwo anders her? Marco: Es ist auch super easy, mit KI alles gut aussehen zu lassen. Die Flecken in der Ecke sind dann alle weiß, und wenn man nicht darauf achtet, könnte das ein Schnitzer sein. Elisabeth: Deswegen meine Empfehlung: Geht besichtigen, macht euch diese Checkliste mit dem, was euch aufgefallen ist, und wenn was auffällt, direkt ein Bild davon. Und wenn man wirklich in die Kaufpreisverhandlung einsteigt, macht man eine Zweitbesichtigung. „Eine Zweitbesichtigung ist für mich immer ein Stück weit das Wichtigste.“ Elisabeth: Dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo man entweder einen befreundeten Menschen aus dem Handwerk mitnimmt oder einen Bausachverständigen. Es muss das geschulte Auge sein. Und wenn der schon so eine Checkliste bekommt, hilft das – denn bei so einer Besichtigung hast du keine zwei Stunden Zeit, da musst du in 30 Minuten durchkommen. Simon: Da bin ich ganz bei dir. Vielleicht kam das vorhin falsch rüber mit dem Sachverständigen mitnehmen. Man guckt sich zehn Häuser an und eins oder zwei kommen in Frage. Aber wenn man sagt, da könnte ich mir vorstellen zu wohnen, dann sollte man klipp und klare Vorstellungen haben, was preislich auf einen zukommt – und einen gewissen Puffer einplanen, damit man keine bösen Überraschungen erlebt. Wenn man einen älteren Hasen dabeihat, der das schon ewig macht, weiß der natürlich, worauf zu achten ist. Und wenn er zum Beispiel Dachdecker ist, kennt er sich mit feuchten Kellern nicht ganz so gut aus, weil er am anderen Ende vom Haus arbeitet. Da hilft eine Checkliste noch mal. Marco: Das Thema Checkliste hatten wir so noch gar nicht auf dem Schirm, aber die Inhalte haben wir gerade besprochen. Dementsprechend machen wir das auf Grundlage der Folge und stellen es auf unserer Website zur Verfügung. Makler und Verkäufer: Haftung und Warnzeichen Elisabeth: Meistens freut sich tatsächlich der Makler. Denn Makler sind ja auch immer ein Stück weit in der Haftung, und der Verkäufer ebenso. Wenn er Sachen, die offensichtlich schon davor bestanden haben, nicht aufzeigt, ist das ein Problem. Die guten Makler, die ich kennengelernt habe, sind sogar ganz froh, wenn ein Bausachverständiger kommt, weil ihnen damit Arbeit abgenommen wird. Simon: Ich habe sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ein Bekannter von mir, ein Amerikaner, wollte sich ein Haus bei Kaiserslautern anschauen und hatte einen Termin mit der Maklerin. Die kam eine Stunde zu spät, da waren wir schon fertig. Sie hatte ihm gesagt, man müsste maximal 100.000 Euro in die Sanierung stecken – dreigeschossiges Haus mit unausgebautem Dachboden, also nur 30.000 Euro pro Stockwerk. Ich sagte ihm, er müsste eher mit dem Dreifachen rechnen, also 100.000 Euro pro Stockwerk, einfach weil es in sehr schlechtem Zustand war. Es hatte auch noch einen ungenehmigten Anbau. Als er der Maklerin sagte, er will es doch nicht, war sie nicht mehr so happy. Auf der anderen Seite habe ich sehr gute Erfahrungen mit einem Makler gemacht, der mich wegen einer Einschätzung gefragt hat, weil er unsicher war. Da waren durch einen Feuchteschaden mehrere Holzbalken morsch geworden, und da muss man später mit Pilzbefall oder Hausschwamm aufpassen. Es gibt wie überall gute und schlechte Leute. Elisabeth: Das ist ein guter Anschlagspunkt, um einen guten von einem schlechten Makler zu unterscheiden. Wenn der anfängt, sich zu echauffieren, dass Rückfragen gestellt werden, dann sollte man vielleicht Abstand vom Objekt nehmen. Simon: Auch wenn die Maklerin zu sehr drückt, es ihr nicht recht ist, dass jemand anderes mitkommt, oder sie keinen Folgetermin machen will, würde ich das als Warnzeichen sehen. Marco: Das wäre für mich ein krasses Red Flag. Von der Zustandsbewertung zur Kostenschätzung Elisabeth: Wir haben jetzt die erste Besichtigung hinter uns, Objekt gefällt, Checkliste ausgefüllt, zweite Besichtigung gut gelaufen, Bausachverständiger war dabei. Meine Erfahrung: Die sind immer gut darin zu sagen, das ist sehr schlecht, mittelmäßig, gut. Aber sie sind super schlecht darin, den eigentlichen Pain meiner Käufer zu lösen – nämlich: Was kostet mich das jetzt? Die rufen dann Handwerker an, und wenn es heißt, wir hätten gerne einen Kostenvoranschlag, wird quasi schon aufgelegt. Was würdest du empfehlen, wie man zu einer Kostenschätzung kommt, die belastbar ist? Simon: Das ist eines der größten Probleme: Ganz viele Leute rufen an und fragen, was kostet das? Und das ist extrem individuell, da spielen so viele Faktoren eine Rolle. Es macht allein schon einen Riesenunterschied, ob der ganze Unterputz runter muss oder nicht, was fassadentechnisch gemacht werden soll, mit Dämmung, ohne Dämmung. Das Beste, was ich als Erfahrungswert sagen kann: wenn man sich von einem Architekten einen Plan erstellen lässt … Elisabeth: Sag ich immer: um 30 Prozent runterverhandeln. Simon: Genau. Dass man zumindest einen ungefähren Plan hat. Oder man macht es dem Handwerker leichter und geht mit konkreteren Vorstellungen ran. Da geht es nicht darum, ob man grüne oder blaue Farbe will, sondern: Ich hätte gerne den alten Boden wiederhergestellt – oder kann man den überhaupt wiederherstellen? Bei den Wänden: Rauputz, Glattputz, Feinspachtel. Für mich als Handwerker ist es extrem schwer, wenn ich zehn Vorschläge machen kann und die Leute sagen, darüber haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Zeit ist irgendwo Geld. Ich kann nicht für einen potenziellen Auftrag 15 Vorschläge schicken, nur um den Auftrag am Ende nicht zu erhalten. Und diese Lücke zwischen „Ist die Substanz gut?“ und „Was kostet mich das letztendlich?“ ist extrem schwer zu füllen, solange man keine konkreten Vorstellungen hat. Buckets und Quadratmeterpreise Elisabeth: Das Thema bei meinen Käufern ist, dass es schon daran hapert zu wissen, was überhaupt ein Gewerk ist. Die meisten können mir sagen – All-time-Favorite – die Heizung. Böden, Wände natürlich auch. Wo es dünn wird, sind Elektro- und Wasserleitungen. Das ist das Schöne: Was man nicht sieht, existiert auch nicht. Ich nehme immer die Hauptgewerke und habe dann Buckets, die unterschiedlich groß sind von den Eurobeträgen. Und dann erst mal Pi mal Daumen: Sind wir bei 100, 200, 400 oder 600.000 Euro Sanierung? Wie findest du die Vorgehensweise, und was sind überhaupt die Hauptgewerke, die du dir anschaust? Simon: Bei den Gewerken kann man immer unterscheiden zwischen „das muss gemacht werden“ und „das kann gemacht werden“. Bei dem, was gemacht werden muss, würde ich den Bucket immer ein bisschen größer wählen, um eine gewisse Absicherung zu haben. Man geht ja oft über den Quadratmeterpreis: 100-Quadratmeter-Wohnung, für eine einfache Sanierung steckt man so und so viel pro Quadratmeter rein. Elisabeth: Wie würdest du diese Quadratmeterpreise einteilen – wo ist absolutes Low Budget, und wo „ich lebe in Gold und Marmor“? Simon: Einfach würde ich so einordnen, dass man vielleicht 1.200 Euro ansetzt – pro Quadratmeter Wohnfläche. Da hat man die Sachen gemacht, es ist in Ordnung und auch schön, aber nicht das Beste vom Besten. Die Materialpreise sind extrem gestiegen. Im Mittelpreissegment würde ich irgendwas um die zwei ansetzen, im teureren Segment so um die drei, dreieinhalb, vier. Da reden wir aber nicht davon, dass wir noch irgendwas umbauen, sondern wirklich für die Wohnung selbst, dass man das wieder schön hinbekommt. Marco: Kurz nachgefragt, wenn ihr fachsimpelt: Diese Werte pro Quadratmeter, das ist eine Benchmark für die Gesamtkosten? Elisabeth: Das ist ein cooler erster Punkt. Damit kann ich mich schon vor der ersten Besichtigung einteilen: Will ich State of the Art, will ich gut und günstig, oder das Beste aus beiden Welten? Dann habe ich eine Benchmark und kann das ganz gut einschätzen. Simon: Das ist das, was vielen in der Einteilung fehlt, weil es extrem schwer greifbar ist. Sehr teuer sind die ganzen Leitungen, also Elektro und Sanitär. Die haben mit die höchsten Lohnkosten, und die Materialkosten sind relativ hoch – Kupfer ist extrem teuer, Edelstahl, Alu-Verbundrohr. Und wenn ich Leitungen neu machen muss und die Wand dafür aufreißen, dann muss ich die Wände komplett durchgehen. Das sind extrem aufwendige Maßnahmen, da können schnell ein paar tausend Euro zusammenkommen. Die fünf Gewerke, die zuerst ins Boot gehören Elisabeth: Führ uns doch mal durch die Hauptgewerke, die bei so einem Bestand aufkommen können. Simon: Wenn wir von einem Haus ausgehen, fangen wir unten an. Wir kommen über eine Tür rein, also haben wir Türen- und Fensterbau, Rollladenbau. Gerade da ist oft ein falscher Punkt angesetzt: Viele kaufen ein Haus und denken, ich mache neue Fenster – weil Fenster der erste Punkt sind, wo man merkt, dass es zieht. Das ist direkt spürbar. Im Altbau ist das aber schwierig. Elisabeth: Schimmelbelastung wahrscheinlich, gell? Simon: Exakt, weil die oft zu dicht sind, dann bleibt zu viel Nässe innen drin und schlägt sich in den Ecken nieder. Elisabeth: Da siehst du wieder, das ist etwas Haptisches. Meine Kunden fahren total auf Fenster ab, das Erste, was gesagt wird, ist: Da müssten die Fenster gemacht werden. „Fenster machen nur 10 bis 15 Prozent vom Gesamtvolumen vom Haus aus und können aber schnell mal sehr, sehr viel Geld kosten.“ Simon: Man geht von Zweifach- auf Dreifachverglasung und hat dann eine hohe Einsparung am Fenster selbst – aber gemessen am ganzen Haus ist der Hebel begrenzt. Trotzdem ist Fensterbau mit das erste Gewerk, mit dem man sich abspricht, denn erst wenn die Fenster eingebaut sind, können Verputzer und Trockenbauer weitermachen. Dann Elektro und Sanitär: Die würde ich sehr früh mit ins Boot holen und einfach mal überprüfen lassen. Wenn ich einen Sicherungskasten aufmache, kann ich ein Foto machen – wäre auch was für die Checkliste – und das einem Elektriker zeigen. Wenn da nur alte Drehsicherungen drin sind, vielleicht drei Sicherungen für ein ganzes Haus, weiß man schon Bescheid. Und es geht um die Planung: Wenn ich Leitungen durch die Wand ziehe, sind die irgendwann fix drin. Wenn die Wand schon verputzt ist und die Leitungen müssen doch neu gemacht werden, entstehen doppelte Kosten. Elisabeth: Das Schlimmste, was du machen kannst, ist also, dich erst mal schön zu machen – nur Böden und Wände – und den Rest auf später zu schieben, weil du dann doppelt aufmachst. Simon: Genau. Dachdecker, Fensterbauer, Elektriker, Sanitär und Heizung – das sind in meinen Augen die Gewerke, die man eigentlich mit als Erstes ins Boot holen sollte. Zum einen, damit man weiß, was für Kosten auf einen zukommen, und weil diese Gewerke die sind, die bestehen müssen, bevor die anderen Sachen kommen. Danach kommen ganz klassisch Verputzer, Maler, Stuckateur – viele Malerbetriebe bieten auch Putzarbeiten mit an. Verputzen: warum dieses Gewerk so teuer ist Elisabeth: Ich hatte sehr oft Angebote zum Verputzen auf dem Tisch, und mir wurde gesagt, dass das eine richtige Shitarbeit ist. Das Teuerste, was ich mal auf dem Tisch hatte, waren Lohnkosten von 80.000 bis 100.000 Euro für ein komplettes Haus. Warum ist das so? Simon: Estrichbauer und Verputzer sind Gewerke, die mit sehr viel Dreck verbunden und extrem anstrengend sind. Klar, Dachdecken hat das auch, und der Zimmermann schleppt schwere Balken, aber Verputzen ist einfach ein extrem dreckiges Handwerk. Und du findest kaum mehr Leute, die das gut können. Es wollen die wenigsten machen – generell wollen die wenigsten ins Handwerk, und dann in so eine Richtung noch weniger. Bei den Materialkosten hast du im Vergleich zu einem Dach sehr geringe Kosten. Wir reden jetzt nicht von einem WDVS an der Außenfassade, aber was da hauptsächlich reingeht, sind Arbeits- und Lohnkosten. Du musst jemanden dastehen haben, der den Putz von Hand anrührt oder mit der Putzmaschine an die Wand wirft, vorher Schienen setzen, Abkleb- und Schutzarbeiten machen. Wir haben gerade mit einer Firma aus Ludwigshafen eine Fassade gemacht: Wenn du Reibeputz aufträgst, musst du teilweise zu acht sein. Bei einer großen Fassade siehst du sonst die Übergänge, wenn der Putz schon angetrocknet ist. Zwei Leute rennen vor und werfen an, die anderen gehen nach und filzen ab, und einer guckt, ob alle Stellen in Ordnung sind. Wenn du das nicht machst, hast du einfach eine hässliche Fassade. Einzelvergabe, Generalunternehmer und der Mittelweg Elisabeth: Ist der neue beste Freund dann der Verputzer? Oder wer würde dein bester Freund werden? Simon: Die größten Schäden können beim Elektriker und beim Sanitärgewerk entstehen, daher würde ich es mir mit denen nicht verscherzen, sonst hat man später ein Problem. „Lieber einen hässlichen Übergang als einen Wasserschaden, weil dann kommt alles runter.“ Simon: Mittlerweile arbeiten viele auf der Baustelle leider ein bisschen gegeneinander. Neulich hat ein Trockenbauer einfach die Wand zugemacht, und mein Elektriker hat sich beschwert, weil der nicht gewartet hat. Der musste einen Tag später kommen, und der andere wollte fertig werden. Ich würde deshalb lieber Gewerke nehmen, die schon länger zusammenarbeiten. Vielleicht kennt der Dachdecker einen Verputzer, und der kennt einen Elektriker. Klar muss man aufpassen, dass es keine Absprachen gibt nach dem Motto, mach ruhig was drauf, die haben Geld. Aber wenn die sich kennen, wollen die sich gegenseitig auch helfen – dann sagt der eine, ich lasse hier noch auf, dann kannst du das schnell ziehen. Und der Bauherr hat weniger Stress. Jemanden in die Haftung zu nehmen, weil er zugemacht hat, hilft keinem; am Ende ist der Bauherr der Leidtragende. Elisabeth: In Fachtermini ist das ja Einzelgewerksvergabe versus Generalunternehmer. Tendenziell ist die Einzelvergabe als Laie betrachtet günstiger, weil ich ein Angebot vom Sanitär und eins vom Elektriker habe. Aus dem, was du erzählst, würde aber die These rausgehen, dass ich mit einem Generalunternehmer doch günstiger bin. Oder dass man – weil der Generalunternehmer meiner Erfahrung nach 20, 30 Prozent teurer ist – den Mittelweg geht: Ich habe einen Dachdecker, der ist gut vernetzt, und der bringt die anderen Gewerke mit an den Tisch. Simon: Das ist ein bisschen das Konzept, das wir fahren. Ich habe einen Elektriker an der Hand. Wir haben uns außerdem bewusst eintragen lassen als „Kabelzieher im Hochbau ohne Anschlussarbeit“ – dieses Gewerk ist zulassungsfrei. Elektriker haben einen extrem hohen Stundenlohn, auch gerechtfertigt, viel Haftungsrisiko, und die Anschlussarbeiten kann nur er vornehmen. Gerade wenn wir den Trockenbau machen, ist es für uns von Vorteil, wenn wir vom Elektriker wissen, mach die Leitung da rein, weil wir dann direkt weiterarbeiten können. Bei vielen Generalunternehmern ist die Größenordnung teilweise so groß, dass kleinere Details untergehen. Und bei Einzelgewerken ist es für den Endverbraucher viel leichter nachzuvollziehen, was einzelne Positionen kosten – weil die diese Kostenaufstellung andauernd machen und wissen, was welcher Putz kostet. Beim Generalunternehmer habe ich oft keine so gute Nachvollziehbarkeit, einfach weil ein so umfängliches Angebot kaum zu schreiben ist. Wenn man zehn Angebote sehr detailliert schreibt und an jedem drei, vier Stunden sitzt und dann wird nur eins angenommen – die Zeit bezahlt einem niemand. Abhängigkeiten, Koordination und Kommunikation Marco: Gibt es Einzelgewerke, die wirklich stark voneinander abhängen? Der Dachdecker hat mit dem Elektriker wahrscheinlich erst mal nicht so viel zu tun – das kann aber auch eine Fehleinschätzung sein. Simon: Wenn du eine Photovoltaikanlage drauf haben willst, müssen die beiden sich absprechen. Ansonsten ist der Dachdecker ein bisschen außen vor. Ein klassisches Beispiel sind Sanitär-, Heizungs- und Klimabauer und der Trockenbauer, etwa bei den Vorwandelementen fürs WC. Wenn der Sanitärkollege seinen Teil einfach stellt, musst du deine Schiene drumherum arbeiten. Da macht es viel mehr Sinn, sich vorher zu besprechen, wann was gemacht wird. Dann setzt man seine Schiene vorher an Wand und Boden und hat ein saubereres Ergebnis. Genauso beim Verputzer, der nicht einfach die Wand zuschmeißt, obwohl der Elektriker da noch ein Kabel ziehen will. „Da ist es ganz wichtig, dass man darauf achtet, dass eine gewisse Kommunikation stattfindet, weil daran mangelt es oftmals.“ Simon: Person A denkt, das ist schon fertig, Person B denkt, nee, ich habe noch einen Tag. Man sagt ja scherzhaft, der Maler macht den Rest, weil er das letzte Gewerk ist. Wenn der dann Probleme hat, weil Sachen nicht gescheit gemacht wurden, ist das problematisch. Deswegen: vor Abschluss noch mal das nachfolgende Gewerk auf die Baustelle holen und fragen, passt das so für dich? Notfalls Fotos schicken und fragen, könnt ihr so arbeiten? Marco: Also am Ende extrem wichtig: Koordination und Kommunikation zwischen den Gewerken. Und zwar so, dass man das als Bauherr nicht nur beobachtet, sondern aktiv managt. Simon: Da muss man hinten dran sein. Als Bauherr ist das extrem anstrengend, klar gibt es die Möglichkeit, das auszulagern – an einen Architekten, einen Generalunternehmer, jemanden, der die Schirmherrschaft drüber hält. Weil: Fenster sind noch nicht eingebaut, und einer will schon die Laibung zuschmieren. Oder ganz klassisch im Altbau: Man macht die alten Fenster raus, hat unten keine saubere Kante, die müsste erst eingeschalt werden – und dann wird die Kante viel höher gesetzt, sodass der Fensterbauer sein Fenster nicht mehr setzen kann. Das hat auch mit Nachmessen und Kontrollieren zu tun. Und die Kommunikation ist schwieriger geworden, weil viele Firmen keine deutschsprachigen Mitarbeiter mehr haben. Mit die besten und mit die schlechtesten Handwerker, die ich erlebt habe, kamen aus Osteuropa – genauso wie bei Deutschen auch. Nur die Verständigung ist oft schwieriger. Elisabeth: Ich habe jemanden kennengelernt, der sehr viele Häuser saniert. Die sagen immer ganz klar: Wenn ich jeden Tag auf der Baustelle bin und denen auf die Füße gucke – und das bedeutet nicht, Controlletti zu sein. Ich vergleiche das immer mit einem Orchester: Wenn der Dirigent nicht sagt, du da, du da, dann funktioniert das nicht, dann bricht Chaos aus. Irgendwer muss die Fäden zusammenhalten. „Ihr müsst euch entscheiden, entweder oder. Entweder ihr fahrt in der Mittagspause und abends auf die Baustelle und guckt euch das an und schaut, dass jedes Rädchen läuft, oder ihr bezahlt jemanden, der das tut.“ Simon: Worauf ich auch achten würde: keine Trupps, die alles können – von Elektrik über Sanitär bis Fenster. Da wäre ich vorsichtig, weil ein Haus sehr komplex ist. Die Materialien sind komplex, die Normen werden immer komplexer. Um da alles zu können, bräuchte man drei oder vier Leben, und selbst dann hätten sich die Normen wieder geändert. Etwas anderes ist, wenn jemand sagt, ich habe da jemanden, der ist Trockenbauer. Und weil die zusammenarbeiten müssen, empfehlen die in der Regel niemanden, der Schmu betreibt: Wenn der Verputzer einen Fensterbauer empfiehlt und die Fenster sind schief eingebaut, sieht danach auch seine Wand schief aus – dann hat er auch ein Problem. Empfehlungen unter Handwerkern als Qualitätsfilter Elisabeth: Mir würde es genauso gehen: Wenn ich qualitative Arbeit leiste, will ich nicht mit Menschen zusammenarbeiten, die die Qualität nicht bringen, weil ich dann nur Scherereien habe. Das färbt auf dich ab. Simon: Darüber wird auch immer gesprochen, und das ist gar nicht dem Kunden gegenüber böse. Mein Freund, der Fliesenlegermeister, regt sich oft auf Baustellen auf, wenn andere Trockenbauer da waren und alles schief ist. Er sagt dann immer: Da platzt mir ja die Libelle – das ist das kleine Wasserbläschen an der Wasserwaage. Und dann hat er tatsächlich gesagt: Simon, ich habe gesagt, reißt den Trockenbau noch mal ab und lasst dich das machen. Das ist ein riesiger Vertrauensbeweis. Wenn ich dort arbeite, habe ich den Anspruch, die Arbeit gut zu machen – und ich will den Ruf dessen, der mich empfohlen hat, nicht mit in den Dreck ziehen. Außerdem will ich mit dem noch mal zusammenarbeiten. Das ist dieses sich gegenseitig in die Verantwortung mit reinziehen. Auslastung, Termindruck und überhöhte Angebote Elisabeth: Ich habe oft erlebt, dass mir besonders Generalunternehmer sagen: Wenn ich viel Zeit habe, mache ich ein sehr kompetitives Angebot. Und dann hat einer den Preis verdoppelt, weil er eigentlich keine Ahnung hatte, wie er das noch machen soll – eine Baustelle von um die 150.000 Euro. Und der Kunde hat das Angebot angenommen. Aber wenn er wirklich gar keine Zeit hat, wie macht man das dann? Simon: Das ist genau der Punkt. Ich bin nächste Woche im Urlaub, und wenn ich weg bin – ich habe zwei Mitarbeiter –, verleihe ich die auch mal als Subunternehmer an befreundete Firmen, wo ich weiß, dass die Arbeit gut ist. Wenn du Angestellte hast, musst du immer ein bisschen mehr Arbeit haben, als du bewältigen kannst. Wenn auf einer Baustelle Baustopp ist und du hast nichts anderes, kannst du nicht wirtschaftlich arbeiten. Die Wartezeiten bei Handwerkern sind extrem lang, der Termindruck steigt, und die Lieferzeiten werden länger. Ich habe Terrassendielen bestellt, da hieß es zwei, drei Wochen Lieferzeit für die Leisten – es waren dann acht. Und dieses „ich mache es mal teurer“ ist leider gängige Praxis. Viele sagen sich: Bevor ich gar kein Angebot abgebe, gebe ich lieber eins ab, das viel zu teuer ist. Ich habe einer Kundin mal gesagt, es tut mir leid, ich kann das in dem Zeitraum nicht machen. Eine war sauer, eine andere fand es toll, dass ich ehrlich bin und nicht zusage und es dann doch nicht mache. Und wenn man den Preis verdoppelt und den Zuschlag trotzdem erhält, denkt man sich, dafür lohnt sich der Extra-Stress. Handwerkermangel, Baustellenkultur und Frauen im Handwerk Marco: Das ist am Ende Angebot und Nachfrage. Woran liegt es? Es scheint mir, als hätten wir gefühlt keine Handwerker mehr in Deutschland. Simon: Es ist leider so. Viele von den Älteren sagen: Als ich meine Ausbildung gemacht habe, gab es das alles nicht, die Lehrlinge wurden hart rangenommen. Und die Leute haben sich darum gerissen, irgendwo arbeiten zu können. Ein klassischer Weg war Hauptschule, dann gehe ich auf den Bau. Mein Sportlehrer hat mal zu mir gesagt: Wenn du so weitermachst, endest du auf dem Bau. Der Bau hatte lange dieses gesellschaftliche Stigma: Da schaffen nur die, die nichts können. Das ist aber nicht mehr so. „Bau ist hochkomplex.“ Simon: Man muss sich heute mit so vielen unterschiedlichen Dingen auskennen. Ein Fliesenleger muss sich auch ganz gut mit Chemie auskennen. Es ist nicht mehr: Ich klatsche ein paar Fliesen an die Wand und es wird schon halten. Und dieses „du musst studieren, um was zu werden“ ist sehr verbreitet in unserer Gesellschaft. Das finde ich schade, weil das Handwerk teilweise schon einen goldenen Boden hat und noch mal mehr goldenen Boden bekommt. Elisabeth: Ich komme ursprünglich aus dem Bauträgerbereich, ich kann mit einer Baustelle was anfangen. Wenn wir von der Bank kamen und eine Baustellenbesichtigung gemacht haben, hatte ich immer meine hochhackigen Schuhe, Tasche, Kostüm – und dann waren wir immer so die Außerirdischen. Was ich aber immer mitgenommen habe: Handwerker und Handwerk sind sehr herzlich, man wurde einladend aufgenommen. Meine Schwester studiert Bauingenieurwesen und hat ihre Praktika zum Großteil auf der Baustelle gemacht. Elisabeth: Frauen auf der Baustelle werden natürlich immer ein bisschen beäugt. Meine Schwester hat aber extrem hart gearbeitet, und nach drei, vier Tagen, als die gemerkt haben, die macht nicht nur ihre Nägel, wurde sie richtig aufgenommen. Solange du hart arbeitest und mitziehst, ist es egal, was du bist. Simon: Wenn du merkst, dass jemand nicht faul ist, dir die Arbeit erleichtert und Interesse an dem hat, was du machst – dann erzählt man auch gerne davon. Man ist ja ein Stück weit stolz, wenn man etwas gut macht. Und das Handwerk hat sehr viel Stolz. Ich glaube auch, dass es dem Handwerk guttun würde, wenn mehr Frauen im Handwerk wären. Dieses alte Stigma, das sei alles zu schwer und zu anstrengend, halte ich für ein Gerücht. Wenn du jeden Tag so schwer hebst, dass eine Frau das nicht heben kann, merkst du mit der Zeit selbst deine Knochen – das ist ja oft das Problem. Ich war mal auf einer Baustelle, da hatte der Malerbetrieb eine Auszubildende, die die ganze Zeit abgeklebt hat. Ich habe sie gefragt, ob sie nur abkleben darf. Sie meinte, nein, abkleben macht viel Spaß und sie macht das besser als die anderen – das waren ältere Männer, die hatten nicht so die Geduld dafür. Sie hat die Ecken feinsäuberlich mit dem Messer ausgeschnitten und fand es toll, wenn später beim Abziehen eine saubere Kante da ist. Marco: Würdest du sagen, dass nach wie vor kaum Frauen in eurem Business sind? Simon: Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich eine Baustelle hatte, wo tatsächlich auch eine Frau war. Klar arbeite ich viel mit den gleichen Firmen zusammen, da unterliege ich vielleicht einem Bias – aber auch auf größeren Baustellen waren kaum Frauen. Zum einen verkraulen viele Betriebe schon männliche Auszubildende. Und ich habe gemerkt, dass Frauen im Handwerk meistens in bestimmte Branchen gehen: Schreiner, Maler und Lackierer ist sehr beliebt, Verputzer vielleicht auch noch, weil diese Gewerke zusammenhängen. Und einige, die ich kennengelernt habe, haben Steinmetz gemacht. Ich glaube, da spielt die Verbindung zwischen Kunst und Handwerk eine Rolle. Elisabeth: Ich glaube, es würde vielen Frauen guttun. Es studieren ja viele Frauen Bauingenieurwesen. Das Problem ist nur: Wenn man keine Praxiserfahrung gesammelt hat, kommst du in deinem süßen Outfit auf die Baustelle und hast einfach nicht diesen Werksschweiß. Und das merkt dein Gegenüber, der Bautrupp. Wenn du nur theoretisches Wissen hast, kann deine Idee noch so gut sein – die Menschen werden dir nicht folgen. Simon: Ich will nicht schlecht über Architekten reden, aber da ist manchmal Zwist. Man sagt ja, der Traum des Architekten ist der Albtraum des Ingenieurs, und so geht es Handwerkern manchmal auch. Wichtig ist, dass man sich auf der Baustelle nicht aufs hohe Ross setzt und rumkommandiert, sondern ein normales Gespräch führt: Klappt alles, ist alles in Ordnung, wie stellt ihr euch das vor, habt ihr die Pläne gesehen? Vielleicht tauchen dann bessere Ideen oder Probleme auf. Wenn einer kommt und fragt, warum habt ihr das noch nicht so gemacht, dann denkt sich der Maurer vielleicht: Weißt du was, ich stelle die Wand dahin, dann ist es dein Planungsfehler – sonst hätte ich dich darauf aufmerksam gemacht. Da sind alle einfach Menschen. Eigenleistungen: sinnvoll oder riskant Simon: Generell finde ich es cool, wenn Leute bestimmte Sachen selbst machen und ausprobieren, weil man bei den Preisen mittlerweile nicht drumherum kommt. Wenn jemand sagt, ich gucke mir an, wie ich mein Gartenhaus streiche, und informiere mich, ob ölen, lasieren oder Deckfarbe – super. Nur fehlt manchen ein bisschen die Grenze. Und ich finde es schwierig, wenn der Kunde die ganze Zeit danebensteht und kritisch guckt. Das hat nichts damit zu tun, dass man pfuschen will, es ist einfach nervig, und man kann nicht mal vor sich hinfluchen. Schwierig sind auch Kunden, die ohne Ortstermin wissen wollen, was die Stunde kostet, oder die auf zehn Fragen antworten, darüber haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Dann steht man am Ende des Gesprächs fast genauso schlau da wie davor. Elisabeth: Mein großer Tipp ist Tapezieren. Meistens sind das nicht meine Kunden, die das können, sondern Mama, Papa, Oma, Opa – da musste man das einfach können. Ich sage aber immer dazu: Es wird nicht so hübsch sein, wie wenn jemand vom Fach das macht. Wo würdest du sagen, machen Eigenleistungen Sinn? Simon: Überall dort, wo keine Folgeschäden entstehen können und wo später nicht drauf aufgebaut werden muss. Klassisches Beispiel: Der Boden ist fertig und man will einen Oberbelag drauf. Jeder Laie kann sich ein Video angucken, wie man Klickvinyl verlegt, das ist nicht schwer. Parkett verlegen, jetzt kein verklebtes. Elisabeth: Oder Fischgräte? Simon: Bei Fischgräte wird es schwieriger, da ist auch viel Verschnitt. Klassisch ist Streichen: vorher informieren, welche Farbart – Dispersionsfarbe, Silikatfarbe, Silikonharzfarbe – und ob eine Grundierung nötig ist. Bei allem, was den Putz betrifft, wäre ich vorsichtiger, weil es schwierig wird, wenn später der Putz von der Wand kommt. Von Elektrik und Sanitär würde ich komplett die Finger lassen, das ist extrem gefährlich. Schlitzeklopfen ist möglich, aber ich hatte einen Kunden, der als Vorbereitung eine Betondecke geschlitzt hat – solche Sachen sind fatal. Oder man vergisst, dass noch Estrich reinkommt, setzt die Dosen zu tief, und die müssen wieder zugemacht werden. Also: vorher besprechen, wieder Kommunikation. Von Fliesen würde ich abraten, gerade im Duschbereich: Wir haben Abdichtungsnormen, die eingehalten werden müssen, sonst entstehen Folgeschäden. Im Altbau brauchst du eine Entkopplungsbahn, dann die Frage nach dem Fliesenkleber und dem Verlegemuster. Fliesen, die schlecht aussehen, wieder von der Wand zu holen, ist auch keine schöne Arbeit – bei einer Vorsatzschale kommt in der Regel der Rigips mit runter. Da sind die Folgekosten manchmal höher als die Ersparnis. Angebotsvergleich, Pufferstunden und Abschluss Simon: Ich habe immer Kunden, die gerne über den Preis verhandeln wollen, das ist normal. Meiner Erfahrung nach gilt: Wenn es ein faires Angebot ist, die Auflistung Sinn macht – hält er dem Verstand gleich, handelt er nicht mit dem Mann. Ich kalkuliere meine Angebote immer mit gewissen Pufferstunden und sage dem Kunden, da sind zum Beispiel zehn Pufferstunden drin, die Stunde kostet 62,50 netto. Die werden nur für unvorhergesehene Probleme oder kleinere Änderungen benutzt, und ich rechne sie nur nach tatsächlichem Aufwand ab. Der Kunde sieht: Unvorhergesehenes ist eingeplant. Wenn dann jemand darüber noch verhandelt, finde ich das schwierig, weil das schon so kalkuliert ist, dass es passen sollte. Dann bin ich im Umkehrschluss auch genauer und rechne Kleinigkeiten separat ab, die ich sonst mitgemacht hätte. Elisabeth: Ich sage meinen Kunden immer: Holt euch den Vergleich, sonst kann Qualität ja gar nicht ersichtlich werden. Ich bin auch ein großer Fan von regionalen Unternehmen – für dich eine Baustelle im Taunus zu übernehmen, hat einfach mit Fahrt- und Unterbringungskosten zu tun. Wenn es in der Region zwei Dachdecker gibt, würde ich mir bei beiden einen Eindruck verschaffen. Das muss nicht unbedingt ein Angebot sein, aber: Wie ist er drauf, wie geht er ran, was ist sein Konzept? Und danach sollte man auch eine Entscheidung treffen und mit demjenigen gehen, weil nur dann seriös gearbeitet werden kann. Simon: Und der erste Kontakt: Ist der Handwerker zuverlässig, schafft er es, ein vernünftiges Angebot zuzuschicken, oder ruft er nur einen Preis zu und fährt wieder? Geht er auf Fragen und Bedenken ein? Viele machen einen guten Job, aber da fehlt die Dienstleistungskomponente. „Für den Handwerker ist das eine Baustelle wie die andere, aber für die Endkunden ist es später mal ihr Zuhause im besten Falle.“ Simon: Wenn man jemanden hat, der kompetent ist und kompetent wirkt, ist es vollkommen gerechtfertigt, wenn der 20 Prozent teurer ist. Wenn zwei Angebote ungefähr im gleichen Rahmen liegen, ist das ein gutes Zeichen. Unterscheiden sie sich komplett, würde ich ein drittes Angebot einholen oder nach Referenzen fragen. Und wenn die Umgebung klein ist, kennt man meistens jemanden, bei dem der eine oder andere mal gearbeitet hat. Elisabeth: Beim Dienstleistungsgedanken: Gibt es in eurer Ausbildung, beim Meister, irgendwo eine Guidance, dass ihr so etwas lernt? Simon: Die Gesellenausbildung ist gar nicht darauf ausgelegt. Erst Richtung Meister – der Meister befähigt dich ja auch, dich selbstständig zu machen – geht es um wirtschaftliches Denken, Rechnungen und Kalkulationen. Aber Angebote mit dem Kunden zu kommunizieren, bleibt auf der Strecke. Das ist auch verständlich, die Leute sollen in erster Linie ihr Handwerk beherrschen. Es ist ähnlich wie in der Medizin: Du wirst Arzt, das heißt aber nicht, dass du gut mit deinen Patienten kannst. Und weil die Nachfrage so hoch ist, kann man sich auf Anbieterseite viel rausnehmen. Vielleicht spielt da auch Frust mit rein, dass jahrelang aufs Handwerk runtergeblickt wurde. Ein junger Dachdecker sagte mir, was haben die ganzen Studierten denn von ihrem Studium? Aber wenn dein Computer nicht geht, bist du auch froh, dass dir jemand helfen kann, der IT studiert hat. Da sollte man die anderen nicht von der Bettkante stoßen, nur weil man gerade Oberwasser hat. Elisabeth: Ein richtig wichtiger Punkt. Die Makler hatten in der Niedrigzinsphase absolutes Oberwasser, weil so viel Andrang war, dass sie bei den Objektunterlagen nichts liefern mussten. Das kann sich auch schnell wandeln, wie man jetzt an der Zinsentwicklung sieht. Marco: Liegt euch noch was auf dem Herzen zum Thema? Simon: Ich würde gerne noch einen Spruch zum Abschluss bringen. Der ist ein bisschen blöd, aber er stimmt. „Wer denkt, dass ein guter Handwerker teuer ist, hatte noch nie einen schlechten.“ Simon: Nicht alles, was glänzt, ist Gold. Hört auch ein bisschen auf euer Bauchgefühl: Habt ihr ein gutes Gefühl, hat der Ahnung von dem, was er redet, geht er auf eure Bedenken ein? Nicht blauäugig an die Sache rangehen, ruhig vergleichen. Und wie bei Lebensmitteln: am besten lokal einkaufen. Marco: Letzte Frage: Wie findet man dich beziehungsweise euch? Simon: Am einfachsten über eine Kontaktanfrage per E-Mail, sb@bau-bettinger.de. Eine Website baue ich gerade noch auf. Das meiste lief bisher über Mund-zu-Mund-Propaganda oder über andere Handwerker, die mich empfehlen. Einsatzgebiet ist Kaiserslautern Innenstadt und Umkreis, so 30 bis 40 Kilometer. Elisabeth: Ich kann für den Simon mein absolutes Herz reinlegen. Und ich glaube, wir haben allen Käuferinnen und Käufern einen guten Rahmen gegeben, wie man vorgeht und worauf man achtet. Die Checkliste kommt. Wenn Fragen offenbleiben, gerne stellen, die beantworten wir im Nachgang. Marco: Vielen Dank, Simon, dass du heute zu uns nach Mainz gefunden hast. Meldet euch bei uns, wie ihr die Folge fandet – egal auf welchem Weg.
Die zentralen Erkenntnisse
Die Substanz entscheidet: Eine schöne Tapete lässt sich über jede schlechte Substanz ziehen – sie hält nur nicht lange. Mauerwerksrisse, Abdichtung, Kellerfeuchte, Dach, Leitungen und Heizung gehören vor die Frage, wie die Räume wirken. Laien können mehr vorfiltern, als sie denken: Baujahr erfragen, Dach und Dachsparren ansehen, gelbliche Wasserflecken mit dem Finger prüfen, frisch gestrichene Ecken als Schimmelhinweis lesen, Kellerfeuchte riechen, Betonbalkone auf freiliegendes Eisen kontrollieren. Besichtigung in zwei Stufen empfohlen: Erstbesichtigung mit Checkliste und Fotos, Zweitbesichtigung mit Bausachverständigem oder befreundetem Handwerker – dann, wenn ernsthaftes Kaufinteresse besteht. Widerstand gegen Rückfragen oder gegen einen Folgetermin gilt als Warnzeichen. Kosten werden erst mit konkreten Vorstellungen belastbar: Ein Architektenplan oder klare Vorgaben – Rauputz oder Glattputz, alter Boden erhalten oder nicht – sind die Voraussetzung dafür, dass ein Betrieb überhaupt kalkulieren kann. Als grobe Orientierung nennt Simon pro Quadratmeter Wohnfläche Sanierungskosten von rund 1.200 Euro einfach, etwa 2.000 Euro mittel und 3.000 bis 4.000 Euro im teuren Segment. Fünf Gewerke gehören zuerst ins Boot: Dachdecker, Fensterbauer, Elektriker, Sanitär und Heizung. Sie bestimmen die großen Kostenblöcke und müssen stehen, bevor alles Weitere kommt. Erst Böden und Wände zu machen und Leitungen zu vertagen, erzeugt doppelte Kosten. Koordination ist die häufigste Fehlerquelle: Wände, die geschlossen werden, bevor der Elektriker gezogen hat, oder Laibungen, die vor dem Fenstereinbau zugeschmiert werden. Für Bauherren ist es ein Entweder-oder: selbst regelmäßig auf die Baustelle fahren oder jemanden dafür bezahlen. Eigenleistung nur ohne Folgeschäden: Oberbeläge, Streichen und Tapezieren sind machbar. Von Elektrik, Sanitär und Fliesenarbeiten im Duschbereich rät Simon ab – der Rückbau kostet schnell mehr als die Ersparnis.
Links & Downloads
Checkliste für Besichtigungen | bauffy Podcastfolge zu Förderprogrammen bei energetischer Sanierung | https://bauffy.de/episode/bafa-kfw-458-paragraf-35c-vergleich/ bauffy Podcastfolge zu energetischer Sanierung beim Kauf | https://bauffy.de/episode/energetisch-sanieren-immobilienkauf-finanzierung/ E-Mail Kontakt zu Bettinger Bau | sb@bau-bettinger.de
Soll ich schon zur ersten Besichtigung einen Bausachverständigen mitnehmen? | Nach Elisabeths Empfehlung nicht. Bei der Erstbesichtigung geht es um den eigenen Eindruck, weil von zehn besichtigten Häusern nur eines oder zwei in Frage kommen. Sinnvoll sind eine Checkliste und Fotos von allem, was auffällt. Der Sachverständige oder ein befreundeter Handwerker gehört in die Zweitbesichtigung. Worauf kann ich als Laie bei einer Besichtigung selbst achten? | Auf Baujahr und Substanz statt auf die Optik: gravierende Risse im Mauerwerk, Alter und Zustand des Dachs samt Dachsparren, gelbliche Wasserflecken mit Fingerprobe auf Feuchte, frisch gestrichene Ecken als möglicher Schimmelhinweis, modriger Geruch im Keller, freiliegendes Eisen unter Betonbalkonen. Ein Foto vom geöffneten Sicherungskasten lässt sich später einem Elektriker zeigen. Welche Baujahre sind besonders auf Schadstoffe zu prüfen? | Simon nennt vor allem Häuser ab etwa 1960 bis 1970 und vor 1990. Genannt werden Asbest, Asbestfasern in Fliesenklebern und teerhaltige Substanzen, für die eine PAK-Analyse in Frage kommt. Warum bekomme ich keine belastbare Kostenaussage? | Weil Sanierungskosten stark von konkreten Entscheidungen abhängen — ob der Unterputz herunter muss, ob gedämmt wird, welcher Putz gewünscht ist. Sachverständige bewerten den Zustand, beziffern ihn aber nicht. Belastbarer wird es mit einem Architektenplan oder zumindest konkreten Vorstellungen. Gibt es eine grobe Orientierung pro Quadratmeter? | Simon nennt als Anhaltspunkt für die Wohnfläche rund 1.200 Euro für eine einfache Sanierung, etwa 2.000 Euro im Mittelsegment und etwa 3.000 bis 4.000 Euro im teuren Segment. Welche Gewerke sollte ich zuerst einbinden? | Dachdecker, Fensterbauer, Elektriker, Sanitär und Heizung. Sie bestimmen die großen Kostenblöcke und müssen stehen, bevor die nachfolgenden Gewerke arbeiten können. Reicht es nicht, erst einmal neue Fenster einzubauen? | Das ist laut Simon ein verbreiteter Fehlschwerpunkt. Fenster sind spürbar, machen aber nur 10 bis 15 Prozent des Gesamtvolumens aus und kosten schnell viel Geld. Im Altbau können neue Fenster zu dicht sein, sodass Feuchtigkeit im Raum bleibt und sich in den Ecken niederschlägt. Einzelvergabe oder Generalunternehmer? | Die Folge tendiert zu einem Mittelweg: ein gut vernetzter lokaler Betrieb, der weitere Gewerke mitbringt. Einzelangebote sind für Endkunden besser nachvollziehbar, weil die Betriebe ihre Positionen täglich kalkulieren. Der Generalunternehmer ist nach Elisabeths Erfahrung 20 bis 30 Prozent teurer, und kleinere Details gehen laut Simon eher unter. Wie viel muss ich als Bauherr selbst koordinieren? | Nach Elisabeths Darstellung ist es eine Entweder-oder-Entscheidung: selbst regelmäßig auf die Baustelle fahren oder jemanden dafür bezahlen. Als praktischer Griff wird genannt, vor Abschluss eines Gewerks das nachfolgende einzubinden — notfalls per Foto — und zu fragen, ob so weitergearbeitet werden kann. Was kann ich selbst machen und wovon sollte ich die Finger lassen? | Eigenleistung ist dort sinnvoll, wo keine Folgeschäden entstehen und wo später nichts darauf aufgebaut wird — genannt werden Oberbeläge wie Klickvinyl, ungeklebtes Parkett, Streichen und Tapezieren. Abgeraten wird von Elektrik und Sanitär sowie von Fliesenarbeiten, besonders im Duschbereich. Bei Vorbereitungen wie Schlitzeklopfen gilt: vorher absprechen. Wie viele Angebote sollte ich einholen? | Elisabeth empfiehlt, sich bei mehreren regionalen Betrieben einen Eindruck zu verschaffen — nicht zwingend als vollständiges Angebot — und sich danach klar zu entscheiden. Liegen zwei Angebote im ähnlichen Rahmen, wertet Simon das als gutes Zeichen. Liegen sie weit auseinander, rät er zu einem dritten Angebot oder zur Prüfung von Referenzen.